Botschafter im kolonialen Afrika
Vier fabrikneue Gyrobusse am Bahnhof von Léopoldville.
Bild: Chronikstube Wetzikon.
Einheimische und Personal an einer Endstation in Léopoldville.
Bild: Chronikstube Wetzikon.
 
Wenig ist über den Einsatz der 12 Gyrobusse in Léopoldville bekannt. Das mag wohl daher rühren, dass der zentralafrikanische Staat, welcher 1908 als belgische Kronkolonie entstand, in den 50er Jahren inmitten seiner Ablösung vom Mutterland war und dass die niedergelassen Europäer das Land wegen den «Kongowirren» mehr oder weniger fluchtartig verlassen mussten. Am 30.Juni 1960 wurde der 2.3 Mio. Quadratkilometer grosse Staat mit seinen damals 12.8 Millionen Einwohnern unabhängig. Die Feierlichkeiten in Anwesenheit von König Baudouin warfen aber die Schatten voraus, die bis zum Jahre 1965 andauerten und als die blutigen «Kongowirren» in die Geschichte eingingen. Die einzigen uns bekannten Informationsquellen über den Gyrobus-Betrieb in Zentralafrika finden wir in Belgien und in der Schweiz. Albert van Steensel, Ingenieur bei der Société Belge Oerlikon schrieb 1955: „Während in Belgien der MFO-Gyrobus 75 Fahrgäste fasste, hatten die Fahrzeuge in Léopoldville total 90, davon 27 Sitzplätze.“ In seinen Ausführungen während einer Konferenz der «Société Royale Belge des Ingénieurs et des Industriels» gehen van Steensel und der damalige Chefkonstrukteur der MFO, Dipl. El.-Ing. ETH Ernst Dunner, auf die Technik der 12 Fahrzeuge ein: „Unsere Busse in Léopoldville erreichten eine Maximalgeschwindigkeit von 60 km/h und hatten auf dem relativ ebenen Terrain einen mittleren Energieverbrauch von 1.6 kWh pro Fahrkilometer.“ Um die Ladezeit auf 1 Minute 40 Sekunden zu reduzieren, wurde der Gyro in Léopoldville nur bis 2900 Umdrehungen geladen. Diese Zeit war notwendig, um den Kreisel mit dem 250kW-Motor von 2100 auf diese Maximal-Drehzahl zu beschleunigen. Eine interessante, nur wenigen Nutzfahrzeug-Kennern bekannte Verbindung zwischen Yverdon-les-Bains und Léopoldville bestand in der Person von Alfred Girardet. Er, welcher als Inbetriebsetzungsingenieur bei BBC in Baden (heute ABB) arbeitete, kam 1944 nach Yverdon-les-Bains, um die 1943 beschlossene Elektrifizierung der Bahn nach Sainte-Croix zu leiten. Im Rahmen seiner Tätigkeit konstruierte er auch eine 4-achsige «Krokodil»-Lokomotive, welche 1950 auf der Bergstrecke in Betrieb kam. „Wegen Rohstoffmangel wurde das Chassis aus vorhandenen Eisenbahnschienen hergestellt“, mag sich Albert Vesin erinnern. Schon damals war die Yverdon-Ste-Croix-Bahn personell eng mit dem Gyrobus-Betrieb TPYG verbunden. Der damalige Bahndirektor Gavin, welcher auch Girardet von Baden nach Yverdon-les-Bains holte, war geistiger Vater und Mitinitiant des Gyrobus-Betriebs. Er organisierte erste Testfahrten mit dem MFO-Versuchs-Gyrobus im Jahre 1950. Genau ein Monat nach dem die beiden Neufahrzeuge Ende September 1953 in den Liniendienst genommen wurden, wanderte Depotchef Alfred Girardet am 31. Oktober nach Afrika aus: Er wurde Betriebsleiter der neu gegründeten «Société d’exploitation des Gyrobus de Léopoldville». Die 12 Fahrzeuge verliessen zwischen dem 26. Januar und dem 23. September 1954 die Schweiz und wurden am 6. August 1955 in Fahrplandienst auf den insgesamt vier Gyrobus-Linien gestellt. Während den «Kongowirren» musste Girardet und seine Frau das Land verlassen. Ihren Lebensabend verbrachte das kinderlose Ehepaar im ihnen vertrauten Yverdon-les-Bains. An den Gyrobus-Betrieb in Léopoldville mag sich auch der in Antwerpen geborene Pierre Nagels erinnern, der seine Jugendjahre in Belgisch-Kongo erlebte. „So wie ich mich erinnere, verkehrten die Busse im 15-Minuten-Takt.“ Doch als der damals 26-Jährige im Jahre 1960 nach seiner Technikums-Ausbildung in Belgien wieder in den Kongo zurückkam, waren die blau-weissen Gyrobusse aus der Schweiz verschwunden. „Wegen technischen Problemen wurden die Busse während meines Aufenthalts in Europa ausser Betrieb genommen.“ Über das Schicksal der Fahrzeuge ist dem seit vielen Jahren im Schweizer Jura lebenden pensionierten Garagisten und Oldtimer-Spezialisten nichts bekannt.
 

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