FBW - Liaison mit Henschel
Aus den Geburtsstunden des Henschel-Kraftwagens

aus: ‘Der Henschelstern’ Nr. 8, August 1937, Verfasst vom damaligen Direktor A. Sack

Zwei nach FBW Lizenz gebaute Lastwagen vor den Henschel Werken in Kassel. Aufnahme ca. 1926.

“Ein trüber Herbsttag des Jahres 1924, so recht der passende Rahmen für die gedrückte Stimmung, die auf uns allen lastete. Der Leiter des Henschel-Unternehmens, Herr Karl Henschel, lag auf den Tod krank. Die deutsche Wirtschaft stand vor dem Abgrund. Die Lokomotivindustrie lag völlig am Boden. Tausenden von Henschelanern drohte das Gespenst der Arbeitslosigkeit. Wir alle wussten von der Sorge der Geschäftsleitung um die Erschliessung neuer Fertigungsgebiete, damit den Henschelanern Arbeit und Brot erhalten werde. Aber alle Bemühungen schienen bislang im Sande zu verlaufen.

Ein Henschel Omnibus mit ca. 24 Plätzen. Aufnahme ca. 1926
Ich sass im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes als Prokurist der Einkaufs-Abteilung und Leiter des werkseigenen Personen- und Lastkraftwagenbetriebs in gedrückter Stimmung bei der Arbeit, als mich das Telephon zu Dr. Fichtner (stellvertretender Betriebsführer) rief. Ich erfuhr von Herrn Dr. Fichtner, dass für die Firma Henschel die Möglichkeit vorläge, mit der Firma Franz Brozincevic & Co., Wetzikon bei Zürich, wegen Erhalt einer Lizenz fur die Herstellung mittlerer und schwerer Nutzkraftwagen in Verbindung zu kommen. Dieser von Brozincevic gebaute und für 5 t Nutzlast bestimmte Wagen sollte nach der Beschreibung einen leistungsfähigen 50 PS - 4- Zylinder - Vergasermotor, eine neuartige Motorbremse und eine vom Motor angetriebene Dreiseiten-Kippvorrichtung besitzen. Instinktiv fühlte ich bei der Betrachtung des Lichtbildes, dass die Möglichkeit einer für die Firma Henschel lebenswichtigen Entscheidung in greifbare Nähe rückte. “Nach diesem Bilde ist die Brauchbarkeit des Fahrzeuges nicht zu beurteilen; sie lässt sich nur im Fahrbetrieb feststellen.” So wurde ich von Herrn Generaldirektor Beyer zusammen mit Dr. Fichtner beauftragt, um die Fahreigenschaften des Kippwagens im Vorgelände zu erproben. Wir fanden eine kleine Kraftwagenfabrik vor, die aber mit etwa 150 Mann Belegschaft über einen hervorragend geschulten Facharbeiterstamm verfügte und in tadelloser Organisation aufgezogen war. Als erstes fand die Probefahrt mit dem 5 t-Dreiseiten-Kipplastwagen statt, der mit Kies beladen worden war.
Ein FBW Kipper mit mechanischem Kippantrieb.
Das Fahrzeug wurde zunächst von Herrn Paul Brozincevic gesteuert. Der mit Elastic-Bereifung ausgerüstete Wagen erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 25 km / Std. und zeigte bei den kurvenreichen Strassen eine hervorragende Wendigkeit. Auch das gute Anzugsvermögen des Motors war auffallend. Ganz besonders gefiel uns die Motorbremse, durch deren richtige Anwendung die Bremsbeläge der mechanischen Hand- und Fussbremsen geschont wurden. Als wir Wetzikon verliessen, hatten wir eine zwar kleine Kraftwagenfabrik kennengelernt, aber auch einen Nutzkraftwagen, dessen Vorzüge in bezug auf Motor, Motorbremse und Hinterachsantrieb gegenüber den damaligen deutschen Erzeugnissen nicht geleugnet werden konnten. So kamen wir überein, unserer Firma die Aufnahme des Kraftwagenbaues unter Zugrundelegung der Brozincevic-Bauart zu empfehlen. Das war am 17. Januar 1925. Am 26. Januar 1925 besuchten uns in Kassel der Seniorchef Franz Brozincevic und Herr Kirchensteiner (Anm.: der spätere FBW-Direktor), und am gleichen Tage wurde der Lizenzvertrag zwischen den Firmen Henschel und FBW abgeschlossen.” Mitte der 20er Jahre produzierte Henschel ca. 300 Fahrzeuge nach FBW-Lizenz. Manch “alter Henschelaner” mag sich mit Wehmut an das Jahr 1974 erinnern, als der letzte Hanomag-Henschel-LKW in Kassel vom Band rollte. Kurz vor der Übernahme durch Daimler-Benz verliessen täglich bis 50 Fahrzeuge das Band und in den fast 50 Jahren wurden genau 111’555 Fahrzeuge gebaut. Ähnliche Trauergefühle waren 11 Jahre später auch in Wetzikon zu spüren, als die Daimler-Benz Tochter NAW den letzten FBW fertigstellte.
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